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Amtsrichter: So sehe ich euch

"Ich versuche, wirklich gerecht zu sein"
Lars M. ist Richter. Welche Ausrede er nicht mehr hören kann und wie man vor Gericht Pluspunkte sammelt, erzählt er in einer neuen Folge unserer Serie "Wie ich euch sehe".
Anna Fischhaber
Anna Fischhaber, Jahrgang 1981, ist Redakteurin für Panorama/Leben/Stil. Aufgewachsen im beschaulichen Landkreis Starnberg, hat sie in Bamberg und Madrid Literaturwissenschaften und Politik studiert und anschließend die Deutsche Journalistenschule absolviert. Nach Stationen bei Spiegel Online in Berlin und der dpa in Buenos Aires berichtet sie jetzt am liebsten aus dem Gericht. Wenn sie genug von den menschlichen Abgründen hat, reist sie durch die Welt. Oder ist an der Isar.
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In unserer Serie "Wie ich euch sehe" kommen Menschen zu Wort, mit denen wir im Alltag zu tun haben, über die wir uns jedoch kaum Gedanken machen: eine Kontrolleurin, ein Pfarrer, eine Verkäuferin. Sie erzählen, wie es ihnen ergeht, wenn sie es mit uns zu tun bekommen - als Kunden, Patienten, Mitmenschen. Diesmal berichtet der 41-jährige Amtsrichter Lars M. (Name von der Redaktion geändert) von seinem Alltag mit Schwarzfahrern, Betrunkenen und Reichsbürgern. Bei mir vor Gericht kann eigentlich jeder landen. Ich habe mit Menschen zu tun, die betrunken Fahrrad fahren, die jemandem die Vorfahrt genommen haben oder ohne Fahrkarte in der Bahn erwischt wurden. Aber auch mit Facebookhetzern und mit Menschen, die sich im Club geprügelt haben. Der typische Angeklagte ist männlich, viele haben keinen Job und finanzielle Schwierigkeiten. Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass die Menschen auf der Anklagebank selten nervös sind. Im Gegenteil: Viele sind patzig, rufen dazwischen, lassen die Zeugen, den Staatsanwalt und mich nicht ausreden, beschimpfen uns teilweise. Natürlich muss ich mich als Richter an die Gesetze halten, aber ich habe einen größeren Ermessensspielraum als viele denken. Wenn beispielsweise ein Diebstahl begangen wurde, kann ich das Verfahren einstellen, ich kann aber auch eine Geldstrafe verhängen, eine Bewährungsstrafe oder sogar eine Vollzugsstrafe.
Wie ich euch sehe

Viktoria B. ist ein bisschen Vorzimmerdrache, ein bisschen gute Seele. Sie ist Assistentin des Chefs - eine wichtige Position. Wie sich das anfühlt, erzählt sie in einer neuen Folge "Wie ich euch sehe".
Von Barbara Vorsamer
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Es ist gar nicht so schwer, ein paar Pluspunkte zu sammeln. Falls Sie einmal vor Gericht landen, seien Sie freundlich und - wenn Sie Mist gebaut haben - einsichtig. Zu Ihren Gunsten wird etwa ausgelegt, wenn Sie schon versucht haben, den Schaden wiedergutzumachen. Ich erlebe immer wieder, dass ein Angeklagter behauptet: "Ich war es nicht." Auch wenn die Beweislage erdrückend ist. Eine Frau ohne Führerschein hat in einer meiner Verhandlungen einmal steif und fest behauptet, ihr Mann sei gefahren. Dabei hatten drei Zeugen sie an der Tankstelle gesehen und eindeutig beschrieben. Es gab überhaupt keinen Grund, warum die drei unbeteiligten Zeugen diese angeblich unschuldige Frau belasten sollten. Sie ist aber nicht von ihrer Aussage abgewichen. Das verstehe ich nicht. Oft raten Verteidiger ihren Mandanten dazu, gar nichts zu sagen. Ich halte das für nicht sehr erfolgversprechend, wenn die Beweislage eindeutig ist. Natürlich gilt der Grundsatz: In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten. Viele glauben deshalb, wenn es nur einen Zeugen gibt, sei das eine Pattsituation. Aber ein unbeteiligter Beobachter reicht oft für eine Verurteilung, wenn er glaubwürdig ist. Natürlich lügen auch manche Zeugen oder sagen Dinge, die sie nicht sicher wissen. Ich lasse mir deshalb gerne aufzeichnen, wie beispielsweise ein Unfall passiert sein soll oder frage Randaspekte ab. Da merkt man dann schnell, wenn Zeugen, die vorher alles wussten, plötzlich stocken.

Bitte sagen Sie nie: Ich war so betrunken

Als Richter muss man entscheidungsfreudig sein. Ich habe Kollegen, die ihre Entscheidung immer wieder aufschieben. Aber das macht die Sache meist nicht besser. Die Angeklagten wollen wissen, woran sie sind. Außerdem muss ich sehr flexibel sein. Beim Amtsgericht sind die Fälle oft nicht ausermittelt, die Verdächtigen haben sich noch gar nicht geäußert. In der Verhandlung überraschen sie mich dann mit einer ganz anderen Geschichte, als in den Akten steht. So überraschend wie im Fernsehen ist es aber eigentlich nie: Dass der Zeuge plötzlich der Täter ist, wie das manchmal in Gerichtssendungen passiert, habe ich noch nie erlebt. Als Angeklagter vor Gericht sollten Sie nie sagen: "Ich war so betrunken und kann mich nicht mehr erinnern." Oder: "Ich wollte doch nur kurz ..." Alle wollten nur das Auto umparken oder schnell nach Hause. Wer fährt schon betrunken in den Urlaub? Manchmal brauche ich ganz schön viel Geduld. Am skurrilsten sind die Einlassungen von Reichsbürgern. Sie äußern sich eigentlich nie zur Sache, sondern tragen unzusammenhängende Monologe vor. Mich als Richter nehmen sie nicht ernst, ich bin für sie nur ein Angestellter der Deutschland GmbH. Manchmal dauern solche Ideologievorträge eine ganze Stunde. Ich lasse die Angeklagten trotzdem ausreden. Das ist manchmal anstrengend, aber jemanden zu unterbrechen, würde das Klima unnötig verschärfen. Manche Angeklagte tun mir auch leid. Aus den Akten weiß ich von ihrer schwierigen Kindheit, von Privatinsolvenzen und wie alles immer schlimmer wurde. Ein Geständnis muss ich strafmildernd werten, aber ich verhänge nicht aus Mitleid eine geringere Strafe. Ich versuche wirklich gerecht zu sein und alle Fälle gleich zu behandeln. Ich hatte schon Verhandlungen, da hat die Angeklagte ihr kleines Kind mitgebracht und behauptet, sie habe keine Betreuung gefunden. Dann kam raus, sie wollte mich so milder stimmen. Aber ob jemand ein Baby hat oder nicht, eine Trunkenheitsfahrt bleibt eine Trunkenheitsfahrt.
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